Mein Sonder-Donnerstags-Geistesblitz (04): Präsidentenabflug oder die Moral des Aufgebens.

 dm-meinung-kl.jpgEinmalig in der Geschichte Deutschlands, der Präsident geht: Horst Köhler hat heute Mittag seinen Rücktritt erklärt. Aber ich bin mir sicher, kaum einer wird ihn vermissen, weil viele Menschen kaum bemerkt haben, wer er wirklich war.

Ja, das klingt hart und sicher wenig respektvoll, aber es ist realistisch. Horst Köhler war für mich ein Mann mit wenig Farbe, keinerlei Charisma, kaum auffällig. Er wollte unbequem sein, aber er hat es nicht geschafft, dies auffallend und durchdringend durchzusetzen. Schon durch die Art und Weise seiner Installierung war er eher Kunstfigur, denn Würdenträger für dieses hohe Amt. Ein Schatten, verglichen mit dem unvergessenen Richard von Weizsäcker

Dennoch bin ich sauer! Sauer auf die Mäuler aus Presse und Politik, die sich heute Vormittag zerrissen haben, um sich zu übertreffen in der Kunst des Niedermachens. Denn sofort klappten die Schubladen auf und Label wurden verteilt. Jemand sagte „…er macht uns den Lafontaine“ – gemeint war, der fluchtartige Rückzug, alles fallen lassen in Zeiten größter Bedrängnis, immenser Schwierigkeiten oder innerer Zweifel…

Frau Merkel brachte zusätzlich heute Vormittag eine merkwürdige Formulierung ins Spiel, sicherlich ein Ausrutscher: „Ich bedauere diesen Rücktritt aufs Allerhärteste“. Was wollte sie denn damit sagen? Kann man „aufs Allerhärteste“ bedauern oder meinte sie, ich verurteile diesen undankbaren Mann, der uns jetzt hier hängen läßt, obwohl wir ihm zu dem Amt verholfen haben – allerschärfstens.

Deutschland ein Land von Angsthasen und Feiglingen? Lafontaine war einer der ersten, die hinschmissen. Verziehen hat ihm das Niemand. Roland Koch war auch so einer. Bei dem allerdings, waren und sind viele froh. Kürzlich erst noch Margot Kässmann, dass war ein Schlag! Mir tat es Leid und ich hab ihre Reaktion überhaupt nicht akzeptiert. Sie war einfach klasse und man hätte ihr verziehen. Und heute eben auch der Bundespräsident. Er erweist sich jetzt offenbar als ebenso dünnhäutig wie sensibel.

Gewiss, in einer Meinungsdemokratie sind allzu sensible Verhaltensweisen nicht angebracht. Aber haben wir uns nicht tatsächlich auch Politiker und Menschen im öffentlichen Raum gewünscht, die wieder Herz oder zumindest Einfühlungsvermögen zeigen? Ist das Hinschmeissen manchmal nicht doch besser, als die nervende Überlebens-Technik Helmut Kohls, das „Aussitzen“ bis zum Erbrechen?

Ich finde, es gehört verdammt viel mehr Mut dazu, sich gegen den Strom zu wenden, sich selbst treu zu bleiben, selbst Häme und Missgunst zu ertragen, als einfach nur das weiterzumachen, was irgendwelche Systeme oder Ideologien von einem erwarten.

Deshalb finde ich es mehr als bedauerlich, wenn jemand tatsächlich zu seiner Meinung steht und, weil die nicht ins Kalkül paßt, einfach so unwürdig von der Bühne entlassen wird. All die lieblosen und teilweise bitterbösen Nachrufe des heutigen Tages, wenngleich ohne Schamesröte in politischen Blätterteig verpackt, verweisen eigentlich auf ganz andere Verlierer, nämlich allein auf die Regierung selbst!

Denn die wissen nicht, was sie tun: NRW hat immer noch keine Regierung. Die Staatsverschuldung liegt – wie ich gestern in Berlin mit eigenen Augen sehen durfte – bei 1,7 Billionen Euro (!!!) – also rund 2500 Euro pro Sekunde. Dazu kommen die Euro-Krise mit Griechenland und anderen Ländern, die allgemeine und globale Wirtschaftskrise, heute der mörderische Überfall der offenbar völlig durchgeknallten Israelis, unsere Kriegsbeteiligungen und vielerlei mehr…

Die Berliner Wunderheiler warten und diskutieren, anstatt endlich anzufangen. Selbstverliebt, arrogant, oftmals realitätsfremd, bemühen die sich lediglich um Macht und persönlichen Wohlstand, während unser Land zerfällt. Straßen, Brücken und Denkmäler zerbröseln, Schulen, Krankenhäuser und Kulturstätten werden geschlossen und der soziale Unfriede wächst und gedeiht. Welche Vorboten!

Wahrheiten auszusprechen und ihre ganze Kraft in neue Handlungen und innovative Handlungsanweisungen zu konzentrieren wären tatsächlich die akuten Aufgaben einer modernen, demokratischen Führung.

Wie es sein kann, wenn neues Verhalten zu Siegen führt, hat Lena ML doch eindrucksvoll vor den Augen ganz Europas demonstriert! Seit mehr als 30 Jahren haben wir wieder eine siegreiche Stimme. Aber Vorsicht Politiker – IHR seid nicht Lena, Ihr seit nur Angela!

Und anstatt sich Gedanken zu machen und das Volk wählen zu lassen, in welcher deutschen Stadt der Grand Prix 2011 stattfinden soll – große Fernsehsender haben dazu bereits in Windeseile die Abstimmtechnik eingerichtet – wäre es doch viel besser, auf diese Weise den nächsten Bundespräsidenten bestimmen zu lassen. Margot Kässmann hätte meine Stimme!

Sorgenvoll, aber dennoch wertschätzend: Ihr Det Mueller

3 Kommentare

  1. ..ich bin dann mal weg….

    Diese Mentalität ist doch eigentlich genau das, was wir unseren Kindern nicht mit auf den Weg geben wollen: ich bin dann mal weg! Egal was hinter mir passiert, ist mir doch egal.

    Ich bin dann mal weg: Ich wäre auch gern ab und zu mal einfach weg, weil es leichter wäre, bleibe aber trotzdem, wo ich bin, das nennt man dann wohl Verantwortungsbewusstsein.

    Ich bin dann mal weg: Ich wäre auch gern ab und zu mal weg, mache aber trotzdem das weiter, was ich bisher auch getan habe, weil es Menschen gibt, die mich genau da brauchen, wo ich bin. Das nennt man dann wohl Nächstenliebe.

    Ich bin dann mal weg: Ich wäre auch gern ab und zu mal weg, um Konflikten, die ich selbst verursacht habe, aus dem Weg zu gehen, stehe aber zu dem, was ich angekurbelt habe. Das nennt man dann wohl Authentizität.

    Gestern las ich irgendwo den Kommentar: „der kleine Horst möchte gerne aus Schloss Bellevue abgeholt werden“. Böse, sarkastisch, ja, bestimmt. Aber in diesem einen Satz findet man, so meine ich, die gesamte Dimension dieses Abgangs: weinerlich geflohen vor den eigenen Diskussionen. Und das ist kein gutes Vorbild für unsere Jugend, die auch nur auf der Flucht vor sich selber ist.

    Ich bin dann mal weg
    und hier einer der besten FAZ-Kommentare, wie ich finde.

    http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E0556D2F7E5E54CDD85B98274BC3E6F4A~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Ich bin dann mal weg.
    LG
    M.

  2. …ein toller Kommentar liebe Merle, herzlichen Dank dafür!

    Auch deswegen, weil er mich in Bedrängnis bringt und neuerlich zum Nachdenken zwingt. Offenbar hab ich mein Anliegen nämlich schlecht formuliert, zumindest hab ich mich schwer getan, die richtigen Worte zu finden und heute denke ich gerade, ja, was war denn nun mein Anliegen???

    1_Ich stimme Dir grundsätzlich zu, wenn Du sagst, hinschmeißen ist zunächst mal ganz übel. Definitiv ist ausdauerndes Engagement für eine Sache oder eine Idee oder gar einen Menschen besser und kraftvoller. Allein schon deshalb, weil Zeit auch eine Rolle spielt – nur wenig Gutes läßt sich übers Knie brechen und ad hoc erledigen…

    2_Die oben aufgeführten Protagonisten haben ja alle aus völlig unterschiedlichen Situationen heraus das Handtuch geworfen, ein Vergleich ist also höchst unanständig von mir und sicher polemisch.

    3_Außerdem ist es wohl tatsächlich so, dass alle, in neuen Ämtern und mit neuen Aufgaben jetzt schon oder zukünftig weiter an der Umsetzung ihrer Ideale gearbeitet haben bzw. arbeiten werden. Lafontaine z.B. hat ja damals nicht mit Politik aufgehört, sondern wie wir alle wissen, seine Vorstellungen auf einer anderen Bühne weiter durchgezogen. Und aus seiner Sicht, sicherlich sehr erfolgreich.

    4_Deshalb denke ich, die gestrigen, schnellen Verurteilungen welcher Art auch immer sind gefährlich, weil sich die wahren Gründe oder Absichten oftmals erst später in einem anderen Kontext tatsächlich zeigen können. Insofern erlaube ich doch jedem für sich zu entscheiden, ob sein Können in der derzeitigen Position sein eigenes Leuchten und damit seine Kraft und Leidenschaft am Besten zu Tage fördert.

    5_Absolut Recht muß ich Dir geben, wenn Du sagst, dass es „Querköpfe“ in unserem Land schwer haben, obwohl es die aber häufig sind, die ein Land oder eine Firma weiterbringen. Köhler wollte unbequem sein und hat das auch manchmal geschafft. Leider aber nicht durch richtungsverändernde Gedanken, sondern eher durch ungeschickte Auswahl von Thema und Zeit.

    6_Was ihm aber völlig abging, war die Fähigkeit andere durch Sprache oder inneres Brennen zu begeistern. Von Lena sagen manche, sie könne gar nicht besonders gut singen – ja nicht einmal alle Töne treffen. Insofern hätte Köhler auch, als eher unscheinbares Rhetoriktalent, eine Chance gehabt, wenn er denn eine Botschaft gehabt hätte.

    Hatte er aber nicht – genauso wenig, wie die meisten Politiker heute.
    Egal welcher Farbe sie sich zugeordnet haben. Die spielen ohnehin keine Rolle mehr, die Parteien werden immer austauschbarer. Und der Wähler quittiert dies bisher mit Lustlosigkeit an der Urne.

  3. Lieber Det,

    aber brauchen wir nicht, wie Du selber sagst, die Stachel, diejenigen, die kämpfen, für ihre Ideale, ihre Träume. Durchhalten um jeden Preis und nichts verändern an der Situation, das ist sicherlich nicht richtig. Aber einfach alles hinschmeißen und gehen? Ist das das richtige Zeichen für einen Aufbruch? Wäre nicht viel mehr ein Hochkrempeln der Ärmel gegen den Strom in der jeweiligen Position besser als sang- und klanglos gehen. Wo ist da der Aufbruchgedanke, wo der Wille, etwas verändern zu wollen. Denn wir wollen doch Lena und keineswegs mehr Angela sein, oder? Dann dürfen wir auch nicht weglaufen, sondern müssen uns den Herausforderungen stellen. Wir Otto-Normalverbraucher können auch nicht immer alles hinwerfen, wenn es nicht nach unserer Nase geht, sondern fangen bestenfalls an, zu kämpfen. Und das hätte ich von einem Bundespräsidenten auch erwartet. und gerade er hat die Möglichkeiten, die wir im normalen Leben so oft nicht haben. Er hat die Stimme, die uns so oft fehlt. Er hätte sie gehabt.
    Aber im Endeffetkt ist es natürlich so, dass jedes Land das bekommt, was es verdient. Und so wie es bei uns in Deutschland im Moment aussieht, verdienen wir einfach nur, sorry für den Ausdruck: Flachpfeifen, Flachpfeifen auf der ganzen Linie in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Weil wir verlernt haben, zu kämpfen, für unsere Ideale und unsere Träume. Weil es bei uns eben nicht geschätzt wird, wenn jemand unbequem wird, wenn jemand aufschreit, wenn jemand etwas ganz anders machen möchte. Und solange werden wir Angela bleiben und nie Lena werden.
    Liebe Grüße
    M.

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