Gedanken am Sonntag: Wem können wir trauen?

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Wenn ich Artikel schreibe, wie jenen von gestern, über das offensichtliche Fehlverhalten des WWF, oder über die fragwürdige Korrektheit der Stiftung Warentest, oder über die Lügen vieler großer Lebensmittelhersteller, dann könnte ich manchmal heulen, wenn ich an Deutschland denke…

Was ist das für ein Land geworden, in welchem Politiker erst auf großen Druck reihenweise fallen, weil sie uns und sich selbst betrogen haben, in der Hoffnung keiner würde es merken. Wie oft habe ich in meinem langen Leben schon gehört, ‘mir können Sie vertrauen, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort‘. Ich könnte manchmal heulen, wenn ich an Deutschland denke.

Was ist das für ein Land geworden, in welchem eine Medizintechnikfirma hingehen darf, sich von einem jungen Kreativbüro einen unglaublich schönen Messestand in 3D konzipieren und anbieten zu lassen, das Angebot als zu teuer abzulehnen und dann die Entwürfe dennoch – natürlich kostenlos – tatsächlich auf einer großen Fach-Messe in Köln zu verwenden? [Natürlich klagt jetzt das Kreativbüro. Aber wann sie Recht bekommen, ist eine andere Frage, denn die Gegenseite fährt mehrere Anwälte auf und nachher wirds mit einem Vergleich enden. Überhaupt kann das Jahre dauern.] Ich könnte manchmal heulen, wenn ich an Deutschland denke.

Was ist das für ein Land geworden, in welchem man als Berichterstatter von Wahrheiten angeklagt wird: Vor 2 Jahren habe ich auf diesem Blog einen sehr kritischen Artikel geschrieben, über eine süddeutsche Technikfirma, die zunächst beweisbar, einer Bekannten von mir einen gebrauchten Drucker als neu verkauft hatte. Selbst der NDR drehte einen kleinen Film über diesen Betrug. Mich aber verklagte die Firma wegen übler Nachrede und Geschäftsschädigung. Ich habe bis heute damit zu kämpfen, obwohl ich die Sache längst als erledigt abgehakt hatte. Die Firma hat aufgegeben, aber deren Anwalt will von mir sein Honorar und hat bereits einen Titel erwirkt! Ich sehe der Sache gelassen entgegen, aus verschiedenen Gründen, denn ich habe noch einige Joker im Ärmel. Aber was ist das für eine Moral, wenn der Schuldige doch noch versucht aus seinem Missverhalten Kapital zu schlagen? Ich könnte manchmal heulen, wenn ich an Deutschland denke.

Was ist das für ein Land geworden, in welchem neuerdings schon Jugendliche, ein ebenfalls junges Paar überfallen, den Mann schwer misshandeln und seine Frau über eine Stunde auf offener Straße zu dritt vergewaltigen? Der Prozess läuft gerade, die Täter zeigen keinerlei Reue oder Unrechtsempfinden. Die Staatsanwältin ist empört, so etwas hätte sie in ihrer ganzen Karriere noch nicht erlebt. Dennoch spricht man von einem vermutlichen Strafmaß von nur 3 – 5 Jahren. Ich könnte manchmal heulen, wenn ich an Deutschland denke.

Ja, ich könnte manchmal heulen, wenn ich an Deutschland denke. Und zuweilen tue ich es auch oder spüre Aggressionen in mir (die verarbeite ich in Bildern, wie oben). Aber immer wieder glaube ich auch fest an das Gute. In unserem Land und in jedem von uns. Meine Frau zitiert dann gern den Satz von Mahatma Gandhi, der ihr Lebensmotto ist: ‚Sei selbst die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst‚. Recht hat sie!

Gerechtigkeit und Vertrauen sind zwei Werte, für die Millionen Menschen auf der Welt gestorben sind. Und es lohnt sich, jeden Tag neu dafür zu kämpfen. Jeder auf seine Art. Oder, was meinen Sie?

Bleiben Sie wertschätzend | Det Mueller |

3 Antworten auf „Gedanken am Sonntag: Wem können wir trauen?“

  1. @Grüner Elektroniker: Auch Räuber können Reis verteilen oder etwas Geld abgeben 😉
    Die Aussage »Es braucht viele, um die Fehlnisse weniger zu tilgen« ist aber richtig und jeder sollte sich überlegen, wie er zu den Vielen gehören kann.

  2. Schöne Lebenseinstellung, herzlichen Dank für diesen langen Kommentar. Die Geschichte von dem Wanderer ist klasse!
    Natürlich ist das „könnt ich heulen…“ eine Persiflage, eine satirische Anspielung auf Heinrich Heines Wintermärchen und seine Nachtgedanken. Ihr wisst schon:

    „Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht,
    Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
    Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
    Und meine heißen Tränen fließen…“

  3. Oft genug bin ich schockiert, wenn ich Meldungen lese, wie sie oben zusammengefasst sind. Doch anstatt sie mit allerlei Adjektiven wie „schändlich“ oder „abartig“ zu umschreiben, lasse ich solche Dinge auf mich wirken, versetze mich in die Personen. Normalerweise kann ich die Standpunkte aller verstehen und nachvollziehen. Gutheißen tue ich sie hingegen nur äußerst selten.

    Im Gegensatz zu vielen, die sich aufregen und ihrem Ärger Luft machen, lasse ich die Gefühle in mich einfließen. Das Unverständnis, das Mitleid und den Willen, es besser machen zu wollen. Meinen eigenen Kindern ein ethisches Wertgefühl beizubringen, damit sie wie ich die Veränderung in der Welt sind. Denn diese geflügelten Worte Gandhis sind auch eines meiner Lebensmottos.

    Das andere ist Relation, bei dem ich mich gern auf eine alte chinesische Volkswaise bezieh: Ein Wanderer kommt in ein fremdes Land. Die erste Person, die er trifft, raubt ihn aus. Also müssen alle Menschen in diesem Land Räuber sein. Die zweite Person, auf die er trifft, gibt ihm aus Mitleid eine Schüssel Reis. Also ist vielleicht nur die Hälfte Räuber. Eine dritte Person gibt ihm etwas Geld.
    Vielleicht sind doch nicht alle Menschen in diesem Land Räuber? Aber es braucht viele, um die Fehlnisse weniger zu tilgen.

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