»Du Opfer, ich mach Dich Messer« oder Wie Sprache verloren geht

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Wir alle sprechen Deutsch. Aber nicht das gleiche und schon gar nicht dasselbe Deutsch. Von Dialekten abgesehen, gibt es neben Hochdeutsch auch das Deutsch mit Migrationshintergrund. Allgemein als »Kiezdeutsch« bezeichnet und vorwiegend von Menschen unter Zwanzig gesprochen. Dies ist nicht schlimm, jede Jugend hat ihre eigene Sprache. Schlimm ist, dass die Werbung diese Stummelsprache aufgreift und damit »massenfähig« zu machen glaubt (Saturn 2012: »So! muß Technik«). Auch SMS und andere Kurz-Techniken lassen Sprache verkümmern und Worte verschwinden…

Der Wortschatzschwund lässt sich deutlich im Fernsehen beobachten: Bei Umfragen in laufenden Casting-Shows antwortete die überwiegende Mehrzahl der Befragten auf die Frage »Wie fanden Sie die Sendung oder den Beitrag des Kandidaten« mit den beiden Einheitsbegriffen »geil« oder »cool«. Niemand nutzte Worte wie, »toll«, »berauschend«, »klasse«, »beeindruckend«, »begeisternd«, »verblüffend«, »berührend«, um nur einige wenige Alternativen zu nennen, die unsere Sprache zu bieten hat.

Ich habe mein Abitur hart erkämpft und sogar dreifach studiert. Selbstredend nacheinander. Ich lese gern und schreibe viel. Fast täglich auch mit Hand und Füller, der tatsächlich aber Füllfederhalter heißt und diesen aufwändigen Namen auch verdient hat. Denn erstens war er teuer, und zweitens ist es etwas anderes, nur vor der Tastatur zu sitzen und Buchstaben auf Buchstabensymbole zu tippen, als von Hand auf ein Papier zu schreiben. Und damit auch seiner Persönlichkeit, ja, seinem Gefühl Ausdruck zu geben.

Das Tippen und die Arbeit mit einem Computer sind genau genommen kein Schreiben, sondern eine reduzierte Form, die man Textverarbeitung nennt. Dieser Form der Mitteilung haftet etwas Oberflächliches, etwas Schnelles an. Dabei gehen Charakter und zuweilen auch Seele verloren. Weil der Schreiber zu wenig Zeit aufwendet. Für das Nachdenken. Falsches kann ja schnell gelöscht werden.

Und offenbar habe ich das lange auch nicht ausreichend getan, denn diese Internetseite enthielt bis vor wenigen Minuten, einen leicht unseriösen Fehler (neben vielen anderen, die auch mir oftmals nicht auffallen): DER Lohas-Blog. Richtiger heißt es DAS Lohas-Blog. Denn »Blog« ist nur eine Abkürzung für »Weblog«. Das Web macht mir viel Freude, würde niemand kritisieren. Deshalb schreibe ich täglich in das Weblog, oder kurz in das Blog. Der Duden unterwirft sich der Veränderung der Sprache und erlaubt beides! Die immer noch erquickende Wochenzeitung »DIE ZEIT« allerdings, in deren Redaktion sich viele helle Köpfe tummeln, nutzt als Begriff »das Blog«. Und so will ich es denn auch halten, um einen kleinen Beitrag zu leisten, gegen das Vergessen und für die Schönheit unserer Sprache.

Die zunehmende Verstümmelung unserer Sprache, zu der auch ein übermäßiger »Wortschwund« gehört hat eine Ursache: Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle.

Wolf Schneider, bewährter Sprachlehrer, der Generationen von Journalisten ausgebildet hat, bekommt das Schlusswort: „Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen«.

Bemerkenswert: Als ich »Verschandelung« eintippte, meckerte das Programm. Vermutlich kennt es dieses Wort schon gar nicht mehr.

Bleiben Sie wertschätzend | Det Mueller |

Inspiriert durch die aktuelle Ausgabe der Wochenzeitung »DIE ZEIT« und ihrer unbedingt lesenswerten Beilage »Wie Sie besser schreiben« von Wolf Schneider. Wie immer seit Donnerstag im Handel.

Foto (Ausschnitt) „Fight The Bad“ © Mario van Middendorf  2012

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